hills left
hills right

Ein kanadischer Roadtrip durch Québec und Ontario (Teil 2)

Erstellt von Martin Dichler.  Veröffentlicht am 24.08.2026

Von Toronto bis in die Laurentinischen Berge.

Auf der Ile de Orleans den Sankt-Lorenz-Strom im Blick. © Martin DichlerCanada at it´s best... © Martin Dichler180 Kilometer Radweg auf einer ehemaligen Bahnstrecke. © Martin DichlerBoldt Castle an den Thousand Islands. © Martin DichlerBrockville - ein Städtchen voller Geschichte. © Martin DichlerKanadas erster Eisenbahntunnel in Brockville ist heute noch eine Touristenattraktion. © Martin DichlerDie Flaniermeile Dufferin und das Chateau de Montenac. © Martin DichlerNicht ohne Grund zählt Ottawa zum UNESCO Weltkulturerbe. © Martin DichlerDer 83 Meter hohe Montmorency Wasserfall. © Martin DichlerOttawa wird derzeit touristisch noch etwas unterschätzt. © Martin DichlerWälder, Flüsse und Seen um Val David. © Martin Dichler

Nachdem ich im ersten Teil meines Reiseberichts zwischen Montreal, Ottawa, den Niagarafällen und Toronto bereits rund 1.000 Kilometer zurückgelegt habe, verlasse ich nun die Hauptstadt Ontarios und fahre weiter Richtung Osten. Das nächste große Ziel heißt Québec.

Der Abschied von Toronto fällt mir schwer. Die vergangenen zwei Tage habe ich dazu genutzt, mir die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Großstadt anzuschauen. Unvergessen wird mir wohl noch lange der Blick auf die moderne Skyline bleiben, während ich mit der Fähre über den Ontariosee zu den Toronto Islands gefahren bin.

Wäre ich gerne länger geblieben? Auf jeden Fall. Und mein Plan ist, Toronto später noch einmal zu besuchen. Doch die Zeit drängt, und auf meinem Reiseplan stehen noch einige interessante Programmpunkte. Bis Québec sind es von Toronto rund 800 Kilometer - zu viel für eine entspannte Tagesetappe. Deshalb habe ich eine Übernachtung im Gebiet der rund 350 Kilometer entfernten Thousand Islands eingeplant.

Die Fahrt dorthin entwickelt sich wieder einmal zu einem Geduldsspiel. Es dauert eine Ewigkeit, bis ich den Großraum Toronto hinter mir gelassen habe. Zu meiner Überraschung löst sich der Verkehr danach aber nicht wirklich auf, sondern zieht sich über weite Teile der Strecke. Am Ende zeigt mein Bordcomputer eine Durchschnittsgeschwindigkeit von gerade einmal 73 km/h. Mit Pause wird aus der Etappe eine rund sechsstündige Autofahrt.

Ganz nah an den USA - ohne ESTA

Kurz vor 16 Uhr erreiche ich Ivy Lea, einen kleinen Ort am Sankt-Lorenz-Strom. Von hier aus starte ich zu einer zweistündigen Bootsfahrt durch die Thousand Islands. Der Name untertreibt ein wenig: Tatsächlich zählt die Region offiziell 1.864 Inseln. Damit ein Stück Land mitgezählt wird, muss es das ganze Jahr über aus dem Wasser ragen und zumindest einen lebenden Baum tragen.

Die Inselwelt erstreckt sich über die kanadisch-amerikanische Grenze, die sich hier in zahlreichen Windungen durch den Sankt-Lorenz-Strom schlängelt. Zu den bekanntesten Bauwerken gehört Boldt Castle auf Heart Island - amerikanisches Staatsgebiet.

Mit dem Bau begann der Hotelmagnat George C. Boldt im Jahr 1900. Der Besitzer des New Yorker Waldorf-Astoria wollte seiner Frau Louise auf Heart Island ein monumentales Sommerdomizil schenken. Rund 300 Arbeiter waren mit dem sechsstöckigen Schloss beschäftigt, als Louise Boldt im Jänner 1904 plötzlich starb. Boldt ließ die Arbeiten sofort einstellen und kehrte nie wieder auf die Insel zurück. 73 Jahre blieb das unfertige Anwesen sich selbst überlassen, ehe es 1977 von der Thousand Islands Bridge Authority übernommen und schrittweise restauriert wurde.

Ein weiteres auffälliges Anwesen ist Singer Castle auf Dark Island. Es wurde zwischen 1903 und 1905 für Frederick Gilbert Bourne errichtet, den fünften Präsidenten der Singer Sewing Machine Company. Bourne ließ das damals „The Towers“ genannte Schloss als Jagd- und Feriendomizil für seine Familie bauen.

Das Interessante an der Rundfahrt: Heart Island und Dark Island liegen in den Vereinigten Staaten, das Schiff legt bei der zweistündigen Tour ab Ivy Lea aber nicht an. Damit findet auch keine formelle Einreise in die USA statt. Für diese konkrete Rundfahrt sind daher weder Reisepass noch ESTA erforderlich. Wer hingegen bei einer Tour auf Boldt Castle aussteigt, muss die amerikanischen Einreisebestimmungen erfüllen und benötigt entsprechende Reisedokumente.

Brockville - ein Stück Kanada wie anno dazumal

Rund 30 Kilometer weiter östlich liegt Brockville. Die Stadt am Sankt-Lorenz-Strom zählt gut 22.000 Einwohner und wirkt auf den ersten Blick ziemlich verschlafen. Je näher man ins Zentrum kommt, desto deutlicher wird allerdings, dass Brockville auf eine bemerkenswerte Geschichte zurückblickt.

Die ungewöhnlichste Sehenswürdigkeit liegt unter der Erde: der Brockville Railway Tunnel, Kanadas erster Eisenbahntunnel. Er wurde zwischen 1854 und 1860 gebaut und ist gut einen halben Kilometer lang. Heute fahren hier keine Züge mehr. Stattdessen führt ein begehbarer Weg durch den Tunnel, begleitet von einem bunten Licht- und Soundsystem, das aus einem Stück alter Verkehrsinfrastruktur eine überraschend unterhaltsame Attraktion macht.

Auch oberirdisch hat Brockville einiges an historischer Bausubstanz zu bieten. Die heutige Victoria Hall, also das Rathaus, wurde zwischen 1862 und 1864 errichtet. Nur wenige Schritte entfernt steht das bereits 1842/43 erbaute Brockville Court House, umgeben von weiteren historischen Gebäuden rund um den Court House Square.

Mein persönliches Highlight ist allerdings die Übernachtung in einem ehemaligen Bankgebäude mitten im Zentrum. Das heutige Boutique-Hotel 48 King West befindet sich in einer 1922 errichteten Filiale der Bank of Toronto. Bei der Renovierung wurde vieles von der alten Substanz erhalten und mit moderner Ausstattung kombiniert. Genau solche Unterkünfte bleiben auf einem Roadtrip in Erinnerung.

Ankunft in Québec - allerdings ohne Hotel

Am nächsten Morgen läuft es auf der Straße zur Abwechslung einmal deutlich besser. Die knapp 500 Kilometer bis Québec lassen sich zügig zurücklegen, und mein Bordcomputer zeigt am Ende tatsächlich eine Durchschnittsgeschwindigkeit von rund 100 km/h - persönlicher Rekord auf diesem Roadtrip.

Ein Kanadier hatte mir zuvor augenzwinkernd erklärt: "Solange du unter 130 km/h bleibst, bekommst du keine Probleme mit den Cops." Als belastbare Verkehrsregel sollte man diesen Ratschlag natürlich nicht verstehen - entscheidend ist immer das ausgeschilderte Tempolimit. Auffällig ist allerdings, dass sich der Verkehr bei freier Strecke häufig etwas oberhalb des erlaubten Tempos bewegt.

Nach einigen Stunden erreiche ich schließlich mein Hotel nördlich des Stadtzentrums von Québec und marschiere zielstrebig zur Rezeption. Dort beginnt die Dame hinter dem Schalter mehrmals im System zu suchen - ohne Erfolg. Eine Reservierung auf meinen Namen gibt es nicht.

Ganz stolz ziehe ich die ausgedruckte Buchungsbestätigung aus meinem Rucksack und reiche sie über den Tresen. Die Dame lächelt und zeigt auf das Datum: Ich hatte mein kurzfristig umgebuchtes Hotelschnäppchen nicht für den 1. August, sondern für den 1. September reserviert.

Ein Zimmer kann sie mir ebenfalls nicht anbieten. Die Stadt sei voll, erklärt sie mir und wünscht mir viel Glück bei der Suche.

Nach einer kurzen Denkpause, während der mein Blutdruck ungeahnte Höhen erreicht, storniere ich die September-Buchung und suche nach einer Alternative. Wenig später finde ich tatsächlich noch eines der letzten verfügbaren Zimmer in Québec. Eine Stunde danach, bei einem kühlen Bier aus einer der vielen regionalen Brauereien, gutem Essen und französischer Live-Musik, ist der Stress schon wieder fast vergessen.

Québec: Weltkulturerbe seit 1985

Bei einem abendlichen Spaziergang geht es natürlich zuerst zu einem der bekanntesten Wahrzeichen der Stadt: dem Fairmont Le Château Frontenac. Das mächtige Hotel thront hoch über dem Sankt-Lorenz-Strom und verfügt heute über 610 Zimmer und Suiten.

Das historische Zentrum von Québec gehört seit 1985 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Es ist eines der am besten erhaltenen Beispiele einer befestigten Kolonialstadt in Nordamerika. Direkt vor dem Château Frontenac verläuft die Terrasse Dufferin, von der sich ein großartiger Blick auf die Unterstadt und den Sankt-Lorenz-Strom bietet.

Bei meinem ersten Rundgang durch die Oberstadt bekomme ich allerdings nicht nur einen Eindruck von den hervorragend erhaltenen historischen Gebäuden, sondern auch von den Besuchermassen. Québec ist längst kein Geheimtipp mehr: Allein 2024 zählte die Region nach Angaben von Destination Québec cité mehr als 4,3 Millionen Besucher.

Besonders sympathisch finde ich, dass an touristischen Hotspots – ähnlich wie zuvor schon in Ottawa – Mitarbeiter der Tourismusorganisation als direkte Ansprechpartner unterwegs sind. Gerade in einer Stadt, in der man sich zwischen Ober- und Unterstadt, Festungsmauern und kleinen Gassen schnell einmal treiben lässt, ist das durchaus hilfreich.

Am nächsten Morgen geht es früh zur Citadelle de Québec hoch über der Stadt. Die Festung ist nicht bloß ein Museum, sondern bis heute eine aktive Militärbasis und Heimat des Royal 22e Régiment. Die heutige Anlage wurde von den Briten im 19. Jahrhundert ausgebaut; ihre wesentlichen Bauarbeiten erfolgten zwischen 1820 und 1850.

Im Sommer 2026 findet von Mittwoch bis Sonntag um 10 Uhr die Wachablöse statt – vom 24. Juni bis 30. August, ausgenommen 1. und 3. Juli. Bei Regen oder aus operativen Gründen kann sie abgesagt werden. Mit dabei sind die Musikkapelle, Soldaten in scharlachroten Uniformen und Bärenfellmützen sowie Batisse, der Ziegenbock und das Maskottchen des Regiments. Die Zeremonie ist im Eintritt zur Citadelle enthalten.

Die anschließende geführte Tour lohnt sich. Sie zeigt nicht nur die militärische Geschichte der Anlage, sondern macht auch deutlich, wie eng die Festung bis heute mit Québec verbunden ist. Danach geht es zurück in die Altstadt und weiter hinunter in die Basse-Ville – entweder zu Fuß über die Treppen oder bequem mit der Standseilbahn.

Die kleinen Gassen der mehr als 400 Jahre alten Stadt mit ihren Cafés und Restaurants versprühen viel französischen Charme. Nicht umsonst wird Québec häufig als Wiege des französischen Nordamerikas bezeichnet. In der Hauptsaison wird es in den engen Straßen allerdings stellenweise so voll, dass ich dem Zentrum bald wieder den Rücken kehre und mit der Fähre nach Lévis auf das gegenüberliegende Ufer übersetze. Dort endet der Tag deutlich ruhiger – und natürlich wieder bei einem Bier aus einer lokalen Brauerei.

Flucht auf die Île d’Orléans

Am nächsten Morgen beschließe ich, das Umland mit dem Leihwagen zu erkunden. Erster Stopp ist der rund 83 Meter hohe Montmorency-Wasserfall, nur wenige Kilometer außerhalb von Québec. Anders als bei den Niagarafällen wird hier Eintritt verlangt: Für Erwachsene kostet der Tageszugang in der Sommersaison 2026 derzeit 6,95 CAD zuzüglich Steuern; Parken und einzelne Attraktionen kommen gegebenenfalls extra dazu.

Fast gegenüber beginnt die Île d’Orléans. Die Insel ist rund 34 Kilometer lang und acht Kilometer breit und bis heute stark landwirtschaftlich geprägt. Von Québec ist sie in rund 15 Minuten mit dem Auto erreichbar.

Das Wetter macht mir zwar einen Strich durch die Rechnung, doch selbst bei grauem Himmel ist die Rundfahrt über die Insel reizvoll. Immer wieder halte ich bei Bauern und kleinen Produzenten, die Obst, Gemüse, Käse, Cider oder andere regionale Produkte direkt am Straßenrand verkaufen. Nach den touristischen Menschenmassen in Québec ist das genau die richtige Abwechslung.

Das Ende einer fantastischen Reise

Am nächsten Morgen geht es wieder in Richtung Montreal. Mein Roadtrip durch Ontario und Québec ist inzwischen auf mehr als 2.000 Kilometer angewachsen. Die letzten beiden Nächte vor dem Heimflug möchte ich allerdings nicht wieder in der Großstadt verbringen, sondern im beschaulichen Val-David in den Laurentinischen Bergen.

Das Dorf liegt rund 80 Kilometer nördlich von Montreal. Bei der Volkszählung 2021 lebten hier 5.558 Menschen. Die Gegend ist hügelig, waldreich und von zahlreichen Seen geprägt – also ziemlich genau das Gegenteil der vergangenen Tage in Toronto und Québec.

Auch meine Unterkunft McTaverne entspricht genau dem, was ich gesucht habe: unkompliziert, persönlich und authentisch. Das angeschlossene Pub schließt bereits um 22 Uhr, serviert aber ausgezeichnetes Essen. Nach fast zwei Wochen mit dichtem Programm fühlt sich allein diese frühe Sperrstunde schon ein wenig nach Erholung an.

Val-David ist ein guter Ausgangspunkt für Radfahrer, Wanderer und andere Outdoor-Fans. Direkt durch den Ort führt der P’tit Train du Nord, eine ehemalige Bahntrasse, die heute als 234 Kilometer langer Mehrzweckweg durch die Laurentinischen Berge führt. 168 Kilometer davon sind asphaltiert, weitere 66 Kilometer bestehen aus feinem Steinstaub. Val-David liegt ungefähr bei Kilometer 42 der Strecke.

Die vergangenen elf Tage meines Roadtrips waren voller Eindrücke, wirklich zur Ruhe gekommen bin ich dabei allerdings kaum. Val-David ist deshalb genau der richtige Ort, um noch einmal einen Gang zurückzuschalten und mich langsam auf die Heimreise vorzubereiten.

Mein Fazit: Kanada ist immer eine Reise wert

Meine rund 2.200 Kilometer lange Reise durch Ontario und Québec hat mich beeindruckt. Überrascht haben mich vor allem die teils niedrigen Durchschnittsgeschwindigkeiten auf den langen Fahretappen – und die Sprachrealität in Québec.

Kanada hat auf Bundesebene zwei Amtssprachen: Englisch und Französisch. Das bedeutet allerdings nicht, dass beide Sprachen im gesamten Land überall gleichberechtigt auf Speisekarten, Straßenschildern oder in Geschäften erscheinen müssen. Québec hat mit der Charte de la langue française Französisch als einzige offizielle und gemeinsame Sprache der Provinz festgelegt. Öffentliche Beschilderung und viele geschäftliche Informationen müssen daher auf Französisch verfügbar sein; weitere Sprachen sind zwar möglich, unterliegen aber eigenen Regeln.

Für Reisende, die unter der kanadischen Zweisprachigkeit automatisch überall zweisprachige Beschriftungen erwarten, kann das zunächst überraschend sein. Im touristischen Alltag bin ich mit Englisch trotzdem meist gut weitergekommen.

Auch beim Preisniveau hat mich Kanada positiv überrascht. Zumindest während meiner Reise waren viele Hotels günstiger als vergleichbare Unterkünfte in Österreich. Restaurantbesuche können dagegen durch Steuern und Trinkgeld rasch teurer werden.

Apropos Trinkgeld: In Kanada gelten rund 15 Prozent als üblicher Richtwert für guten Service. Die Terminals in Restaurants schlagen inzwischen allerdings häufig auch 18, 20 oder mehr Prozent vor – und gelegentlich erscheint die Trinkgeldfrage sogar beim schnellen Kaffee zum Mitnehmen.

Was mir besonders in Erinnerung bleibt, ist die Freundlichkeit vieler Menschen, denen ich unterwegs begegnet bin. Auch das Autofahren empfand ich trotz des dichten Verkehrs meist als angenehm und vergleichsweise entspannt.

Und schließlich ist Ostkanada von Österreich aus leichter erreichbar, als man vielleicht denkt: Sowohl Montreal als auch Toronto werden nonstop ab Wien angeflogen. Je nach Ziel und Flugplan dauert der Hinflug rund neun Stunden, der Rückflug aufgrund der vorherrschenden Winde meist etwas kürzer.

Mein Fazit nach 13 Tagen und rund 2.200 Kilometern fällt deshalb eindeutig aus: Ontario und Québec eignen sich hervorragend für einen Roadtrip – vor allem dann, wenn man sich etwas mehr Zeit nimmt, als ich es diesmal getan habe.

Martin Dichler

Connect